Kleinunternehmerin


Die REHASWISS-Partnerorganisation GRAM Abhyudaya Mandali in Andhra Pradesh berichtet uns über den Lebensweg einer erstaunlichen jungen Frau, die trotz Behinderung und weiteren Schicksalsschlägen niemals aufgibt und sich für ihre Familie und viele andere Menschen einsetzt.

 

Thokala Lingavva, 28jährig, lebt im abgelegenen Dorf Ruvvi im Adilabad Distrikt in Andhra Pradesh. Als jüngeres von zwei Kindern einer landlosen armen Familie hat sie keinen guten Start ins Leben. Ihre Eltern arbeiten als Tagelöhner und verdienen kaum genug, um die Familie durchzubringen. Im Alter von fünf Jahren erkrankt Lingavva an Polio und ist fortan stark gehbehindert. Zudem wird ihr Wachstum beeinträchtigt und sie bleibt kleinwüchsig. Lingavva wird in die Dorfschule aufgenommen, doch der Schulweg ist bald zu beschwerlich für sie. Ihre Eltern können als arme Tagelöhner der Arbeit nicht fernbleiben, um das Kind in die Schule zu bringen. Der Schulabbruch wird unausweichlich. Lingavva leidet zudem wegen ihrer kleinen Körpergrösse unter den Hänseleien der Kinder und sogar von Erwachsenen.

 

Die REHASWISS-Partnerorganisation GRAM Abhyudaya Mandali ist seit 1993 in dieser Gegend aktiv und hat zahlreiche Selbsthilfegruppen (SHG) aufgebaut. Ein Betreuerteam von GRAM motiviert 2004 die junge Lingavva, der SHG Adarsha, einer Gruppe von behinderten Kleinunternehmern beizutreten. Dank der regelmässigen Teilnahme an den Treffen gewinnt Lingavva viel Selbstvertrauen. Mit Unterstützung der Organisation GRAM erhält sie eine ärztliche Bescheinigung über ihre Behinderung, einen Ausweis für freie Fahrt in Bussen und eine bescheidene Rente von 500 Rupien (knapp 10 Fr.) pro Monat.

 

Es geht weiter bergauf mit Lingavva. 2007 erhält sie von der SHG einen Mikrokredit von 2000 Rupien für einen Teeladen. Der kleine Verdienst ist ein willkommener Beitrag an den Familienunterhalt. Zudem kann Lingavva regelmässig einen Teil des Kredits an die SHG zurückzahlen. Am wichtigsten aber ist der Respekt der Dorfbewohner gegenüber der selbständigen und selbstsicheren jungen Frau. Ihre Lebensumstände sind aber immer noch schwierig. Die Eltern können mit zunehmendem Alter nicht mehr viel arbeiten. 2008 heiratet Lingavva einen jungen Mann mit leichter geistiger Behinderung, der nie gearbeitet hat und nicht zum Lebensunterhalt beitragen kann. Sie macht sich viele Gedanken, wie sie mehr verdienen könnte.

 

Seit 2009 unterstützt REHASWISS das Mikrokredit-Programm von GRAM. Lingavva erhält einen Kredit von 10‘000 Rupien (200 Fr.), um ihren Laden auszubauen und das Sortiment zu erweitern. Ihr Einkommen ist jetzt 1500 Rupien pro Monat, genügend für ein bescheidenes Leben und für die monatlichen Rückzahlungen an die SHG. Lingavva hat den gesamten Kredit zurückbezahlt.

 

Gerade in dieser Zeit eines Neuanfangs trifft Lingavva ein schwerer Schicksalsschlag: nach einer Schwangerschaft erleidet sie eine Totgeburt. Schlimm sind nicht nur der Verlust des Kindes, sondern auch die hohen medizinischen Kosten, die ihre Ersparnisse aufbrauchen.

 

Die tapfere junge Frau erholt sich und rappelt sich wieder auf. 2011 gewährt ihr die SHG Adharsa einen Kredit von 20‘000 Rupien für den Kauf eines Büffels. Die Milch wird im eigenen Teegeschäft verwendet und trägt zum erfreulichen Verdienst von 3000 Rupien pro Monat bei. Lingavva hat es wieder geschafft: sie ist selbstsicher, fröhlich und voller Hoffnung. Sie wird zur Leiterin der SHG Adarsha gewählt. Nun pflegt sie Kontakt zu Behördenvertretern und nimmt an Sitzungen teil, um die Anliegen der SHG und ihrer behinderten Mitglieder zu vertreten. Wir erinnern uns: dieselbe Lingavva, die als Kind wegen ihrer Behinderung die Schule abbrechen musste, ist heute eine erfolgreiche Kleinunternehmerin, die für ihre Familie sorgt, und eine Leaderin, die für die Interessen ihrer Mitmenschen kämpft.